OFES-Konzept
Das in der OFES unterrichtete Selbstverteidigungs-System setzt sich aus den beiden Kampferprobten Stilen WingTsung und Escrima zusammen. Beiden Kampfkünsten liegt dabei ein und dasselbe Konzept zugrunde, welches sich aus 7 Elemten zusammensetzt:
Balance, Geschwindigkeit, Fokus, Timing, Distanz, Einstellung (geistige Haltung) und Übertragbarkeit.
Balance
Unter Balance versteht man zum einen das äußere und zum anderen das innere Gleichgewicht. Die äußere körperliche Balance steht für einen sicheren und stabilen Stand, der aber dennoch flexibel genug ist, um effektive Schrittarbeit zu gewährleisten. neben der körperlichen Balance existiert aber auch noch die geistige. Das bedeutet unter anderem, dass alle Aktionen mit links, wie mit rechts ausführbar sein müssen. Dadurch entwickelt man die Fähigkeit, in mehrere Richtungen zu denken und zu handeln, was letztendlich zu mehr Sicherheit führt. Alle anderen Basisgrundlagen funktionieren ausschließlich unter Einhaltung der Balance, wodurch man erst in der Lage ist, die Balance des Angreifers zu brechen und so den Sieg davon zu tragen.
Geschwindigkeit:
Unter Geschwindigkeit ist in der Kampfkunst nicht nur die Bewegung des Körpers (Oberkörper, Schrittarbeit, Tritte, Fauststöße) gemeint, sondern auch die (unbewusste) Erfassung einer Situation (Reflexe). Viele verwechseln Geschwindigkeit mit Timing. Doch besteht zwischen beiden ein erheblicher Unterschied, selbst wenn beide nicht ohne einander auskommen. Den richtigen Zeitpunkt für eine Aktion zu wählen ist nichts wert, wenn die Aktion selbst zu langsam ausgeführt wird. Aber ein Hieb, mag er noch so schnell ausgeführt werden, ist ebenso sinnlos, wenn die Aktion zu spät kommt. Doch letztendlich kann nur ein Schlag, der mit hoher Geschwindigkeit ausgeführt wird, auch die richtige Kraft beim Aufprall entwickeln, unabhängig vom Timing.
Fokus:
Der Fokus ist in unserem Falle die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf den Gegner - nicht auf die Waffen des Gegners. Damit ist aber auch das Umfeld des Aggressors gemeint, dass ebenfalls Bestandteil des Fokus sein sollte (Tunnelblick vermeiden). Nur so ist man vor eventuellen Überraschungen, wie weiteren Angreifern oder Hindernissen, sicher und in der Lage, die Strategie des Gegners zu durchschauen und die eigene entsprechend zum Einsatz zu bringen.
Timing:
Unter Timing versteht man, zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig zu handeln. Alle Aktionen würden ohne das richtige Timing zum Scheitern verurteilt sein. Startet man eine Aktion zu früh, verfehlt man vielleicht den Gegner; zögert man, wird man eventuell selbst getroffen. Schnelligkeit ist, wie Distanz oder Fokus ohne das richtige Timing bedeutungslos.
Distanz:
Die Distanz spielt bei der Verteidigung eine wesentliche Rolle. Um Beine und Arme oder verschiedene Waffen ihrer Gattung nach optimal einsetzen zu können, muss im Kampf die Entfernung zum Gegner stimmen. Dabei unterscheidet man zwischen kurzen (Knie und Ellenbogen) und langen (Fuß und Faust) Waffen, wie zwischen stumpfen und scharfen. Während man bei stumpfen Waffen meistens versucht in den Nahkampf zu wechseln, ist bei scharfen Waffen eher eine größere Distanz gefragt. Aus einer sicheren Entfernung heraus, kann aber auch hier, je nach Situation, in den Nahkampf gewechselt werden.
Einstellung (geistige Haltung):
Die geistige Haltung ist im Training von entscheidender Bedeutung. Nur wer im Training aufmerksam, konzentriert und gewillt ist bringt später auch die notwendige Entschlossenheit in einen Kampf ein. Im Training so üben, als wäre es der Ernstfall, dabei seinen Geist offen und entspannt halten, bei einer entsprechenden Körperspannung. Erfülle diese Voraussetzungen und du wirst im richtigen Moment, die richtige Entscheidung treffen.
Übertragbarkeit:
Die Kunst, die angeeigneten Fähigkeiten auf verschiedene Art und Weise zu nutzen. Beim Escrima ist der Einsatz von unterschiedlichen Waffengattungen gemeint, unter Verwendung desselben Konzepts. Man muss sich vorstellen, man besitze einen Schlüssel, der für jedes Schloss passt.
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Darüber hinaus bedienen sich die Kampfsysteme WingTsung und Escrima wichtiger Verhaltensweisen in einer Kampfsituation. Zum einen, wie mit der Komponente "Kraft" umzugehen ist, zum anderen, wie man sich allgemein in einer Kampfsituation verhalten sollte, um diese schadlos zu überstehen. Wir sprechen hier von sogenannten Kraft- und Kampfprinzipien.
KRAFTPRINZPIPIEN
Das erste Prinzip: Befreie Dich von Deiner eigenen Kraft!
Der WingTsung Schüler lernt schon in der ersten Form (Siu Nim Tao), seine gesamte Muskulatur zu entspannen und locker zu bleiben. Dabei ist mit „locker“ oder „weich“ nicht gemeint, dass der Schüler bei der kleinsten Berührung aus dem Stand gestoßen werden kann, sondern er lernt, seine Muskeln bewusst und gezielt einzusetzen. Nur der Teil der Muskulatur, der gerade benötigt wird, ist aktiv und angespannt. So sollte z.B. beim Fauststoß nur der Trizeps arbeiten. Der Gegenspielermuskel, also der Bizeps, muss entspannt und locker sein.
Das zweite Prinzip: Befreie Dich von der Kraft des Gegners!
Im WingTsung bietet man dem Gegner keinen Ansatzpunkt, seine Kraft gegen einen anzuwenden. Aus diesem Grund ist es auch nicht möglich, einen WingTsung-Kämpfer zu hebeln. Man begegnet der Kraft des Gegners nie mit der eigenen Kraft, sondern weicht aus und gibt nach. Im WingTsung gibt es daher auch keine Blocktechniken, mit denen man versucht, den Angriff des Gegners mit einer Gegenkraft abzustoppen.
Das dritte Prinzip: Nutze die Kraft des Gegners und richte sie gegen ihn!
Der WingTsung-Kämpfer macht sich die Kraft des Gegners zu nutze, borgt sie, lenkt sie um und richtet sie gegen den Angreifer selbst. Dadurch wird die Kraft des eigenen Angriffs verstärkt. Durch geschicktes Wenden, Zurückweichen und Vorgehen wird die Kraft des Gegners genutzt und kontrolliert.
Das vierte Prinzip: Füge zur gegnerischen Kraft Deine eigene Kraft hinzu!
Erst durch die Beachtung des vierten Kraftprinzips lernt der WingTsung-Schüler, die eigene Kraft gezielt gegen den Gegner einzusetzen. Dies geschieht z.B. durch reflexartiges Vorschnellen des eigenen, durch die Kraft des Gegners gespannten Armes (Bong Sao), das durch eine Wendung oder einen Vorwärtsschritt verstärkt werden kann.
KAMPFPRINZIPIEN
Das erste Prinzip: Ist der Weg frei, stoße vor!
Das Prinzip des Vorgehens soll mehrere Zwecke erfüllen: Entschärfung und Kontrolle von Kampfsituationen im Ansatz, Kontaktaufnahme mit den Händen und Beinen des Gegners, um den taktilen Eigenreflex ausnutzen zu können und Verkürzung der Distanz zum Gegner, um ihm dadurch die Kraft für den eigenen Angriff zu nehmen.
Das Vorgehen kann, je nach Kampfsituation, auf verschiedenste Art und Weise erfolgen:
- geradlinig auf der Zentrallinie, d.h. direkt und ohne auszuholen, auf dem kürzesten Weg nach vorne gerichtet. Dabei greifen wir die vertikale Achse (Mittellinie) des Gegners an. Diese Vorgehensweise ist besonders günstig bei sehr kurzer Distanz.
- keilförmig nach vorne, d.h. mit leicht ausgestellten Ellbogen, um optimal vor Angriffen von außen (Schwinger, Haken) geschützt zu sein. Diese Variante ist bei mittlerer Distanz anzuwenden.
- seitlich oder aus einem Winkel heraus, d.h. falls ein Vorgehen auf der Zentrallinie nicht möglich ist, weil der Gegner zu stark oder zu gut geschützt ist – oder aus taktischen Gründen, um den Gegner zu überraschen bzw. seine besonders verwundbaren Stellen wie Leber, Nieren oder kurze Rippen anzugreifen. Diese Strategie wird vor allem in der höchsten waffenlosen Form im WingTsung, der Holzpuppe, angewendet. Bei längerer Distanz ist diese Vorgehensweise nur in Verbindung mit Fußtechniken empfehlenswert.
- mit der Pauschallösung, d.h. durch gleichzeitiges Vorgehen mit Hand und Fuß. Dabei wird der Gegner auf zwei Ebenen gleichzeitig attackiert
Das zweite Prinzip: Hast du Kontakt, bleib kleben!
Im WingTsung gibt man den Kontakt mit den Armen und Beinen des Gegners – einmal hergestellt – nicht mehr auf. Der WingTsung-Kämpfer klebt förmlich am Gegner, kontrolliert ihn und lässt ihm dadurch keine Chance für weitere Angriffe. Durch das Chi-Sao-Training (Gefühlstraining) lernt der Kämpfer, permanenten Druck auf den Gegner auszuüben, die kleinste Lücke zu fühlen und in diese vorzustoßen.
Das dritte Prinzip: Ist der Gegner zu stark, gib nach!
Im WingTsung arbeitet man nicht gegen die Kraft des Gegners, sondern nutzt diese Kraft und wendet sie gegen ihn. Dies geschieht nicht wie in anderen Kampfsportarten durch weiche, runde oder kreisförmige Bewegungen, sondern durch ruckartige (Jat-Sao), schneidende (Huen-Got-Sao), ziehende (Lap-Sao) oder elastische und federnde Bewegungen (Bong-Sao), die dem Gegner die Kraft aus dem Angriff nehmen und ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Der Gegner gerät aus der Balance, verliert die Zentrallinie und hat keine Chance mehr, zurück in den Kampf zu finden. Bei starken Angriffen wendet der WingTsung-Kämpfer, und zwar mit dem ganzen Körper. Die Wendung erfolgt dabei maximal bis zu einem Winkel von 60 Grad.
Das vierte Prinzip: Zieht der Gegner zurück, folge!
Im WingTsung folgen wir dem Gegner, halten dabei aber immer den Vorwärtsdruck und Kontakt mit dessen Händen und Füßen aufrecht. Dadurch geben wir dem Gegner keine Chance, Kraft zu sammeln und einen zweiten Angriff zu starten.
STRATEGIE & TAKTIK
Das natürlich auch Strategie und Taktik zu einem Kampf dazugehört, mag sich wohl jeder selbst bereits gedacht haben. Dennoch kennen viele den Unterschied nicht. Daher sei dies an dieser Stelle noch einmal kurz erklärt:
Strategie:
Unter Strategie verstehen wir, uns effektiv und erfolgreich gegen einen rechtswidrigen Angriff verteidigen zu wollen.
Sprich: WAS SOLL ERREICHT WERDEN?
Taktik:
Um uns gegen einen rechtswidrigen Angriff verteidigen zu können, lernen wir Selbstverteidigung.
Sprich: WIE SOLL ES ERREICHT WERDEN?